„Spielchen“ im Workshop erzeugen nicht immer Entwicklung

von Björn Hübner

Seit unserer Kindheit lernen wir durch Spiel oder spielerisches Gestalten. Dies hat uns in Teilen zu dem gemacht, was wir heute sind – unsere Entwicklung eben. Und diese Entwicklung ist uns ganz am Anfang unseres Lebens leicht gefallen. Niemand von uns hat im Alter von vier oder fünf Jahren überlegt, ob sein selbstgemaltes Bild „schön oder nicht schön“ war.

Heute sieht das zuweilen schon ganz anders aus. Fragt man zu Beginn von Veranstaltungen die Teilnehmerschaft, womit sie in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen bei Workshops gemacht hat, dann lautet die Antwort häufiger „Rollenspiele“ und irgendwelche sonstigen „Spielchen“. Was muss da passiert sein, dass es zu so großer Ablehnung kommt? Ich finde dies nicht nur schade, sondern auch gefährlich. Denn aus meiner Sicht sind leichte und spielerisch angelegte Elemente bei Workshops zur Weiterentwicklung eines Prozesses elementar! Und damit beschäftigen sich diesmal meine GedankenÜber.

Beginnen wir zuerst mit den negativen Erfahrungen der Menschen, die ich zum Teil nachvollziehen kann. Auch ich saß schon in Veranstaltungen, bei denen ich dachte: Was mache ich hier eigentlich? Um mit Kreativität in Kontakt zu kommen, mussten wir in einer Kleingruppe Zimmermannsnägel so anordnen bzw. verbauen, dass sie auf einem weiteren Nagel ausbalanciert, aufgelegt werden können.[1] Nun, um das Ergebnis vorwegzunehmen: Wir sind als Gruppe gescheitert. Ich fand mich auch hinterher, nach der Auflösung, nicht kreativer als vorher oder irgendwie mit einem neuen Gedanken für mehr Kreativität beseelt. Eigentlich hat der Frust überwogen, und da war auch ein bisschen Angst, was denn noch für unlösbare Aufgaben kommen würden. Ich fühlte mich so ein wenig wie ein Versuchskaninchen, das an der Nase herumgeführt wird. Und damit einher geht auch meine Kritik beim unbedachten Einsatz von solchen Spielchen. Als Teilnehmender erlebte ich keinerlei Entwicklung oder auch nur einen Schritt dahin. Denn nur weil der Coach oder Moderator das Spiel „toll“ findet, heißt das noch lange nicht, dass es auch etwas bei den Teilnehmenden bewirkt.

Und ich finde auch, dass allein der Begriff „Spiel“ oder „Spielchen“ etwas über die Haltung der Person aussagt, die sie durchführt. Meine Ansicht ist, dass man mit Menschen nicht spielt. Es widerspricht meiner Meinung nach dem Prinzip der Augenhöhe, gepaart mit dem Respekt vor dem Individuum bzw. dessen Persönlichkeit. Häufig sehe ich auch, dass Workshops von Coaches oder Moderatoren mit Spielchen überladen werden. Kaum ist das eine zu Ende, folgt das nächste. Da weiß man nach einem Tag nicht mehr, wo einem der Kopf steht und was man eigentlich aus den vielen Eindrücken mitnimmt.

Leider ist mir dies oft im agilen Umfeld so begegnet. Hier merkte ich schnell, dass einige Agile Coaches mit nur wenig Wissen und sensibler Kompetenz in der Arbeit für Entwicklungsprozesse ausgebildet wurden. Vielleicht lag es auch am Wechsel von der Technologie in die Profession, mit Menschen zu arbeiten. Da reicht meines Erachtens nicht ein Zertifikat als Scrum Master oder Ähnliches. Mich freut es ja, wenn Menschen etwas für sich finden, dass ihnen einen tieferen Sinn oder mehr Erfüllung gibt. Ich bin aber auch davon überzeugt, dass die Entwicklung von Menschen schon mehr als nur theoretisches Wissen erfordert. Leider wird dies noch unterstützt, da die meisten mir bekannten Qualifizierungen in diesem Umfeld reine Methodenvermittlung sind. Das Verständnis, dass gerade im Bereich der Agilität es vielmehr auf ein Können von Prozessbegleitung und -entwicklung ankommt, hat sich leider nicht durchsetzen können. Das erstgenannte ist ja auch „leichter“, da man nur wie in der Schule möglichst viel Informationen aufnehmen und weitergeben können muss. Bei dem anderen müsste ich ja wirklich iterativ vorgehen und mit dem arbeiten, was ich antreffe. Für viele Menschen bedeutet das eben so etwas wie Kontrollverlust – und das ist manchmal schwer aushaltbar.

Betrachten wir nun einmal die positiven Aspek­te beim Einsatz von „Spielchen“. Zuerst wähle ich dafür einen anderen Begriff, nämlich „Szenario“. Ein Szenario ist ein praktischer, lebendiger und geplanter Schritt, um einen Entwicklungsprozess zu starten oder am Laufen zu halten. In dem Prozess stehen die Menschen im Mittelpunkt. Deshalb entscheiden auch Kontext, worum es geht, die aktuelle Situation der Menschen und deren Zustand, welches Szenario sich am besten eignet, um dem Prozess dienlich zu sein.
Das Szenario muss aber auch zum Coach bzw. Moderator passen. Ich erinnere mich, dass ich ein Szenario, bei dem ein rohes Ei im schlimmsten Fall zu Bruch gehen kann, in den ersten Jahren als Teambegleiter nicht eingesetzt habe. Damals war ich einfach noch nicht bereit genug, gelassen mit dem „schlimmsten Fall“ umzugehen bzw. das Team eine andere, zentralere Perspektive auf das Szenario – bei dem es um Zusammenarbeit geht – einnehmen zu lassen. Rückblickend habe ich noch kein Team erlebt, das am „Ei-Bruch“ im wahrsten Sinne des Wortes „zerbrochen“ wäre. Es ist aber meine Verantwortung als Begleiter bzw. Entwickler, dass die Menschen keinen Schaden an Szenarien nehmen. Auch ein Grund, warum ich auf Orte wie z. B. Hochseilgärten, Segeltörns oder Pferde-Settings verzichte.

Wie in einem meiner letzten Blogs schon geschrieben, verfolge ich die Haltung, dass ich Menschen „einladen, inspirieren und ermutigen“ möchte.[2] Ich denke, daraus ist leicht erkennbar, dass ich Angst nicht gerade als besten Ratgeber für Entwicklung halte. Daher ist es aus meiner Sicht zentral, dass Szenarien einerseits niederschwellig genug sind, um sich darauf einzulassen zu können, und andererseits aber auch eine kleine Überwindung fordert.

Ein weiterer Aspekt für die Wirksamkeit eines Szenarios liegt im emotionalisierenden Momentum. Durch dieses bleibt eine spürbare Erinnerung zurück. Und diese sollte konstruktiv sein. Daher ist beim Einsatz von Szenarien immer darauf zu achten, dass der private Mensch – im beruflichen Kontext natürlich nur – weitestgehend tabu ist. Mir ist schon klar, dass dies nicht zu einhundert Prozent möglich ist. Es ist aber für mich eine Frage der Haltung. Wozu muss man beispielsweise in Meetings beim Check-in Fragestellungen nutzen, die das Thema Persönlichkeitstyp oder Werte haben? Für mich ist das über das Ziel hinausgeschossen – das geht einfacher, wirksamer und akzeptierter.

Szenarien brauchen Zeit, um nachwirken zu können. Ich ertappe mich selbst immer wieder dabei, dass ich zu wenig Zeit für eine tiefergehende Nachbearbeitung bzw. -betrachtung einplane. Die gegenseitige Transparenz in Teams über die individuellen Gedanken oder Gefühle ist aus meiner Sicht von großer Bedeutung, um sich der eigenen Eindrücke noch bewusster zu werden.

Dies dann auch noch mit Bewegung zu verbinden, konnte ich mir von meinem Freund Christian Maier abschauen. Gedanken zu GehSprächen finden sich in meinem entsprechenden Blogbeitrag.[3]

Wenn ich beispielsweise mit Menschen das Thema Führung betrachte, nutze ich manchmal ein Szenario, bei dem die bzw. der Geführte nichts sehen kann. Das Szenario an sich dauert nur etwa 15 Minuten. Die Nachbearbeitung dauert aber manchmal mehr als eine Stunde. Der Austausch des Erlebten und der Transfer in die Praxis kann da schon sehr intensiv werden. Und ich habe es immer wieder erlebt, dass ich von ehemaligen Teilnehmenden Jahre später immer noch auf dieses Szenario angesprochen wurde, da es so „haften“ geblieben ist.

Was wäre alles in der Begleitung von Menschen im Rahmen von Entwicklungsprozessen möglich, wenn der Einsatz weg von „Spielchen“ hin zu „Szenarien“ gelingen würde? Wie leicht könnten dann unsere Teilnehmenden wieder zum leicht lernenden Kind werden und sich wirklich wirklich entwickeln.

Aber das sind nur meine GedankenÜber.

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[1] Dieses „Spiel“ ist auch im Internet zu finden unter „Zimmermanns Nagel Test“

[2] Zitat von Gerald Hüther in meinem Blogbeitrag „Change Management – Wie viel Dringlichkeit darf’s denn sein?

[3] Siehe mein Blogbeitrag „Agile Sprints entschleunigen – Das GehSpräch“

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